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MAINfeeling Sommer 2023

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DR. BETTINA VOLKENS UND

DR. BETTINA VOLKENS UND DIE UNBÄNDIGE LUST DARAUF, ETWAS ZU BEWEGEN UND MIT SCHIER UNBÄNDIGER ENERGIE AUCH GEGEN WIDERSTÄNDE VORANZUTREIBEN. Von Uli Müller-Braun und Jonas Ratermann (Fotos) Annabelle, ach Annabelle, du bist so herrlich unkonventionell“, drechselte Reinhard Mey 1972 die wortreiche Karikatur einer humorlosen „Emanze“. Eine viel belachte Schmonzette, auch wenn sich der Liedermacher damit aus den berühmt-berüchtigten einschlägigen Kreisen prompt den Vorwurf der „Hexenjagd“ einhandelte. Andere Zeiten eben. Zeiten, in denen es nebenbei bemerkt hierzulande noch fünf Jahre dauern sollte, bis das Bürgerliche Gesetzbuch Frauen erlaubte, auch ohne Einverständniserklärung ihrer Ehemänner arbeiten zu gehen. Ob die damals gerade neun Jahre alte Bettina Volkens den Reinhard Mey oder seinen Song überhaupt gekannt hat, muss bezweifelt werden – aber 41 Jahre später wurde sie höchstselbst von den Welt-Autoren Nikolaus Doll und Ernst August Ginten mit dem Titel „die Unkonventionelle“ geadelt. Bis dahin war aus der jungen Dame freilich nicht nur eine promovierte Juristin, eine wissenschaftliche Assistentin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in Berlin (1994), der Syndikus der Deutschen Bahn AG (1997) und das Vorstandsmitglied Personal der DB Regio AG (2006), sondern zudem vom 1. Juli 2013 an auch das Vorstandsmitglied der Deutschen Lufthansa AG, als Arbeitsdirektorin zuständig für die Bereiche Personal und Recht, geworden. Und – keinesfalls nur nebenbei – Ehefrau und zweifache Mutter. Bemerkenswert war, dass sie sich den Titel aus Sicht der Berichterstatter am Ende irgendwie doch nur vor allem durch weibliche Attribute verdiente. Dadurch, dass sie hin und wieder ihre Kinder mit ins Vorstandsbüro brachte, modisch gerne auf das Einheitsgrau verzichtete, in der Mittagspause auch mal ein paar Kilometer joggte und – immerhin – bei Workshops zum Einsatz besonderer Motivationskünste neigte. Dabei hatte und hat sie doch so viel mehr zu bieten. HARTE KNOCHENARBEIT OHNE QUOTENREGELUNG Der gebürtigen Bremerin, die 2007 in Königstein ihre neue Heimat gefunden hat, gelang schließlich Hand in Hand oder zumindest parallel zu den epochalen, aber noch immer nicht zu Ende gebrachten gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 40 Jahre ein viel beachteter Höhenflug. Nicht nur im Zeichen des Kranichs. Einer, der noch ohne Quotenregelung, aber keineswegs ohne spitze Ellenbogen auskam. Ganz so leicht ließ sich der männlich besetzte Olymp schließlich nicht erklimmen. Troubadour Mey mag seinen Reim „Ich bitte dich, komm sei so gut, mach meine heile Welt kaputt!“ witzig gemeint haben, für die Frauen, die sich Ende der 1980er Jahre mittendrin befanden im Ansinnen, der grundgesetzlich verbrieften Gleichberechtigung endlich Leben einzuhauchen, war das alltägliche Aufbegehren gegen gut einstudierte männliche Rituale eher weniger amüsant. Um nicht zu sagen: harte Knochenarbeit. HERAUSRAGENDE EXPERTISE, WISSEN UND ERFAHRUNG Das hat auch die Volkens nicht nur einmal zu spüren bekommen. Etwa 2003, als sie schwanger wurde, aus familiären Gründen zur DB Regio nach Potsdam wechselte und – lange übrigens vor Twitter und Co., aber nicht weniger bösartig – verbreitet wurde, sie hätte die Stelle einer heimlichen Affäre mit einem Vorgesetzten zu verdanken. Und auch, als ihr Engagement bei der Lufthansa endete, machte bei vielen Beobachtern das Wort vom Bauernopfer die Runde. Das gemeinsame Foto mit Ufo-Sprecher Nicoley Baublies mitten im Arbeitskampf sei wohl als Tabubruch betrachtet worden, wurde gerne fabuliert. Nun: Auch das ist inzwischen vier Jahre her und hat keineswegs für den Karriereknick oder gar das Ende gesorgt. Im Gegenteil: Seit 2020 ist die Frau, die zuvor mit Kai Anderson das Buch „Digital human: Der Mensch im Mittelpunkt der Digitalisierung“ und mit Matthias Fifka das Buch „Ready for Take-off: Wie die Lufthansa ihr Personal auf die Zukunft vorbereitet“ geschrieben hat, erfolgreich als Unternehmensgründerin und Beraterin aktiv. Im selben Jahr gehörte sie mit zwölf anderen hochrangigen Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gewerkschaften zu den Begründern des von Bundesarbeitsminister Heil initiierten Rates der Arbeitswelt. Sie ist Mitglied im Aufsichtsrat von Bilfinger SE in Mannheim und drei weiteren Unternehmen und wurde von den Mitgliedern des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. (DGFP) im Juni 2021 zur neuen Vorsitzenden gewählt. Seit Mai 2017 war sie dort im Vorstand aktiv und im Sommer will sie aufgrund des Rotationsprinzips zwar wieder ins zweite Glied zurückrücken, aber weiterhin „zu 100 Prozent“ ihre herausragende Expertise, ihr Wissen und ihre Erfahrung – schließlich kennt sie die Firmenkultur der zwei

PORTRÄT 38 | 39 größten deutschen Dienstleistungskonzerne aus unmittelbarer Erfahrung als Personalchefin – einfließen lassen. Am 15. Juni wurde Dr. Bettina Volkens 60 Jahre alt, aber mit einem rechnet weder ihre Familie noch ihr berufliches Umfeld: dass sie künftig dann doch die stete Verbesserung ihres Golf-Handicaps zu ihrem Lebensinhalt erklären könnte. Keine Chance! Bei allem, was sie ohnehin tut, hat sie die Ärmel noch einmal bis weit über beide Ellenbogen hochgekrempelt und gemeinsam mit Christine Lutz und Martin Steinke das Start Up „great2know“ mit Firmensitz in Königstein gegründet. Thema: Wissenstransfer. Sprich: eines der drängendsten Themen der Arbeitswelt in den nächsten 10 bis 15 Jahren. „Demografischer Wandel, Fachkräftemangel, die umwälzenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Entwicklungen in der Informationstechnologie stellen viele Unternehmen heute vor enorme Herausforderungen. Herausforderungen, die viele von uns viel zu lange sorglos vor sich hergeschoben haben“, sagt sie und legt nach: „So ist die Tatsache, dass in den kommenden 15 Jahren mit den geburtenstarken Jahrgängen von 1950 bis 1969 fast 13 Millionen Arbeitnehmer aus dem Erwerbsleben ausscheiden, seit Langem unausweichlich, aber erst jetzt krachend in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das ist immerhin jeder Dritte, und alle Verantwortlichen wissen sehr wohl: Mit den Baby- Boomern gehen jahrelang erworbenes Wissen und gewonnene Kontakte in Rente. Mit unserem Start-up setzen wir mit einem gezielten, effizienten und schlussendlich digitalisierten Management von relevantem Wissen dagegen und bieten einen nachhaltigen Wissenstransfer, um relevantes Wissen zu sichern, reibungslose Arbeitsabläufe zu ermöglichen und damit die Wettbewerbsfähigkeit jedes Unternehmens zu stärken“, unterstreicht sie überdeutlich, dass sie keineswegs als Senior-Gründerin zum freundlich lächelnden Gesicht von great2know avancieren möchte. Sie will zupacken und Zukunft gestalten. So wie sie sich immer schon aktiv für Gleichberechtigung, mehr weibliche Mitarbeiter in Führungspositionen und den Schutz weiblicher Mitarbeiterinnen vor sexueller Belästigung eingesetzt hat. Immer auch Themen, die mit hoher Wertschätzung einhergehen. So wie jetzt. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Unternehmen dabei zu helfen, Wissen zu sichern und die Risiken des sich verändernden Arbeitsmarktes von heute zu reduzieren. Dabei sehen wir Wissenstransfer als ein Veränderungsprozess auf allen Ebenen, der zwingend verlangt, die Perspektive der Menschen zu verstehen. Strategien und Technologien allein können nicht zum Erfolg führen. Nur in der Kombination der drei Elemente liegt der Schlüssel für eine sichere Unternehmenszukunft.“ Das nennt man dann wohl klare Kante und dazu passt ein weiterer Satz von ihr: „Bei all dem, was ich tue, fühlte und fühle ich mich – wie andere Eltern auch – durch das Erwachsenwerden unserer Kinder immer selbst herausgefordert, weiter zu wachsen.“ MISCHUNG AUS LEIDENSCHAFT, BEWEGLICHKEIT UND MUT Bleibt am Ende noch die Frage nach Bettina Volkens ganz persönlichem Zaubertrank. Ohne eine hochenergetische Geheimmixtur scheint ihr Pensum gar nicht machbar. Schließlich ist sie auch noch sportlich zu Lande und zu Wasser in ganz ordentlichen triathletischen Dosen unterwegs, hat nach eigenem Bekunden bei ihrem Mann, in der Familie und im Sport den Akku für die beruflichen Kraftakte aufgeladen und zu all dem auch noch die Zeit gefunden, im Beirat der privaten Hochschule WHU sowie im Kuratorium der Schirn Kunsthalle Frankfurt und des Rheingauer Musikfestivals mitzuarbeiten. „Es ist eine Mischung aus Leidenschaft, Überzeugungskraft, Resilienz, Beweglichkeit, Ausdauer und Mut“, kommt es ohne Zögern. Vor allem aber ganz und gar nicht von oben herab. Im Gegenteil: mitten aus dem Leben.

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